Paula Modersohn-Becker
„Das ein solcher Künstler mich ernst nimmt …“
Eröffnungsrede von:
Hans-G. Pawelcik
Hinterm Berg 77, 27726 Worpswede
Über die Geburt von Paula Modersohn-Becker:
Mein Kolibri“ wurde die Künstlerin von ihrer Mutter genannt, als sich diese an die komplizierte Geburt von Paula erinnerte. In einem Brief an die Tochter schrieb sie über die Nacht vor 150 Jahren, den 8. Februar 1876. Ein Unwetter tobte in Dresden. Die Elbe war über die Ufer getreten. Der Vater war nicht zu Hause, und nur eine überforderte Haushälterin half bei der Geburt. Wie durch ein Wunder kam Minna Hermina Paula Becker gesund zur Welt. Die Mutter brauchte ein halbes Jahr, um sich zu erholen: „Aber mein Kolibri gedieh rund und reizend trotz Sturm und stürzenden Dämmen.“ Der Kolibri schuf eine Welt.
Die Ausgangsfrage war nicht einfach: Kannst Du eine Ausstellung mit unserem eigenen Bestand machen? Das alles soll zwei Jahre halten – Oben soll aber bitte alles so bleiben und sich nicht verändern.
Auch wenn man selbst nicht den ganz großen Überblick hat, weiß doch jeder über das Leben Paula Modersohn-Beckers einiges und hat so sein Bild und Meinung zur Künstlerin. Aber bei der Vorbereitung und Überlegung zur Ausstellung zeigten sich große Lücken in der Sammlung: es fehlten Gemälde von Ottilie Reylaender, Marie Bock, Clara Rilke-Westhoff -, Arbeiten von Bernhard Hoetger – es gab wenig Möglichkeiten, die den kurzen Weg der Künstlerin hätten dokumentieren können. Zum Glück konnten wir auf Beispiele von Hans am Ende, Otto Modersohn, Carl Vinnen zurückgreifen – Künstler, denen Paula Becker nicht nacheiferte, die sie aber stets unterstützt und oft aufmunternd zugesprochen haben, wenn sie an ihrem Weg verzweifelte. Etliche andere Bildbeispiele aus ihrer Berliner Zeit wie von Jeanne Mammen, Oskar Frenzel, Ludwig Dettmann fehlen gänzlich ebenso, wie auch ihre Anregungen und Lehrer aus Paris. Ein Glücksfall ist die große Arbeit Bernhard Wiegandts, ihres ganz frühen Lehrers aus Bremen, als sie noch gar nichts wusste, dass es Worpswede gab, das wir im hauseignen Archiv fanden.
So haben wir uns dann mit bekannten und oft unbekannten Fotos aus ihrem Leben begnügt, die zwischen den Gemälden sinnvoll die Lücken füllen sollen: denn wer weiß noch, wie Ottilie Reylaender in ihrer Worpsweder Zeit aussah oder Marie Bock? Namen, die Paula Becker so oft in ihrem Tagebuch erwähnte und denen sie nahestand. Wir haben ein wenig ihren Weg fotografisch nachgestaltet und dabei entdeckt, dass Paula Becker-Modersohn durchaus wusste, was sie wollte und wer sie sein wollte. Die vielen Fotografien von ihr, oft und meist in schöner, städtischer Kleidung sprechen von ihrer Absicht, was darzustellen und zu gelten. Wie sie in der Kamera schaut enthüllt Selbstbewusstsein und Wollen. Es offenbart, dass sie eine Idee von dem hatte, was ihr vorschwebte und was sich erst viel später nach ihrem Tod bewahrheitete. Fotos waren um 1900 keine Schnappschüsse, sondern sorgsame Inszenierungen, fast einem Gemälde gleich. So müssen wir uns von der Idee verabschieden, das diese alten Foto die Realität abbilden, sondern eher etwas über die Absicht der Abgebildeten aussagt.
Mir wurde bei den Wochen der Vorbereitung noch einmal deutlich, dass die eigentliche Grundlage des Wissens über Paula Modersohn-Becker immer noch ihr Tagebuch, bzw. ihre Briefe sind. Das ist neben ihren Werken, die wir zum Glück hier oben in Vielzahl sehen können der Schlüssel zu ihrer Kunst. Egal, was da Kunsthistorik interpretiert. Ich empfehle nur mal ihr Ringen um den Ausdruck der Farbe, der Farbmittel und des Farbauftrags. Die Korrespondenz, die sie darüber mit Fritz Overbeck und seinen Farben der Firma „Wurm“ hatte. Wie Paula Modersohn-Becker ihren „Farbklang“ suchte und was ihr vorschwebte ist fast ein eigenes Kapitel für eine Ausstellung.
Um was hier geht, ist der Versuch, etwas Authentizität herzustellen in diesem historischen Haus, in dem die Künstlerin eine wichtige Zeit ihres Lebens gewohnt hat. Mich selber rührt es immer noch, wenn ich durch alten Räume gehe und versuche, etwas vom Geist ihres Lebens zu erahnen.
Nur kurz über die Straße können wir heute noch im „Alten Rathaus“, was früher das Armenhaus war schauen, wie es ausgesehen hat, als sie dort ihre Modelle ansprach.
Lassen Sie mich zum Schluß noch erzählen, dass ich das große Glück hatte, dass mich Mathilde Modersohn früher oft anrief und ich ihr bei einigen Wünschen helfen konnte. Als Dank wurde ich ebenso oft zu ihr zum Tee eingeladen und und meistens zeigte sie mir damals noch verborgene Gegenstände ihrer Mutter, die heute zum Glück alle im Besitz von Museen sind: Dinge, die in irgendeinem Stillleben zu erkennen sind, Schatullen und Schmuck oder Zeichnungen. Oft schaute ich dabei hoch in das Gesicht dieser über 80jährigen Dame und dachte doch, wie viel Ähnlichkeit da mit Paula Modersohn-Becker zu erkennen war und wie die Künstlerin ausgesehen hätte, wäre sie nicht so früh verstorben.






